Deutscher Gewerkschaftsbund

20.10.2017

Böblingen: 6. Europakongress 2017 am 20. Oktober 2017

Thema: Soziale Bewegungen in Europa – Selbstorganisation und Widerstand

DGB

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Um 16 h eröffnete Carola Grodszinski den Kongress. Nach einem Grußwort des  DGB Landesvorsitzenden Martin Kunstmann im großen Saal der Betriebsseelsorge Böblingen hörten wir zunächst einen verlesenen Bericht des erkrankten Referenten Norbert Kreuzkamp aus Tübingen vom acli e. V., dem Selbsthilfewerk für interkulturelle Arbeit, über den Widerstand armer Bergbauern in den Abruzzen. Im Dorf San Pietro, am Abhang des Gran-Sasso-Gebirges z. B., mussten die Bewohner ihre einzige Wasserquelle gegen den Staat verteidigen. Dies förderte den Zusammenschluss, man gründete Genossenschaften u. a. Und daher ist man trotz Armut auch solidarisch mit den gestrandeten Flüchtlingen aus Afrika.  -

Theodora Thomas-Tsoka aus Böblingen berichtete über unser Projekt, die Sozialklinik in Kalamata: Die Nicht-Versicherten werden zwar wieder kostenlos in den Krankenhäusern behandelt, aber nicht alle. Außerdem sind die Zuzahlungen für Mittellose zu hoch und es fehlen im Krankenhaus die Spezialisten. Hier muss das Unterstützernetz einspringen. Die staatlichen Gelder könnten wegen der Schuldeneintreibungs-Politik der Troika wieder  gestrichen werden. –

Erschütternd waren die vielen konkreten Berichte von der Insel Lesbos, wo immer noch Menschen ankommen. Helena von der No-Border-Kitchen Lesbos: Die NBK unterstützt 350 Flüchtlinge mit Lebensmitteln, damit sie sich Essen machen können – für ca. 20€ pro Person pro Monat. Aber nun droht der Winter und das Geld wird knapp. Die NBK Lesbos hat deshalb eine Kampagne gestartet: https://www.youcaring.com/ refugeesinlesvos greece-897627. Da die Sammlung für  die Kalamataklinik schon beschlossen  war, unterstützte Attac Böblingen spontan die NBK mit einem gleich hohen Betrag. –

Matthias von Sea-Watch-Org, die allein 2016 mit zwei Schiffen über 20 000 Flüchtlinge aus Seenot gerettet hat, berichtete über das Missverhältnis von Hilfskapazitäten und tatsächlicher Hilfe der FRONTEX-Kriegsschiffe der EU und den Schikanen der italienischen Behörden. Auch SEA-WATCH benötigt dringend Hilfe. „Wer hat die Stirn, einem Flüchtling zu sagen: ‚Du hast weniger Rechte als ich!‘“, rief Miattias aus. Henning Zierock von der Gesellschaft Kultur des Friedens, betonte die Fluchtursachen. Kriege wie in Syrien seien nur die Spitze des Eisberges, eigentliche Ursachen seien die Ausbeutung der Entwicklungsländer, die Behinderung einer eigenständigen Industrie sowie die Umweltvergiftung durch die internationalen Konzerne. Kriege seien dadurch wesentlich bedingt. –

Sachlich und trotzdem engagiert berichtete die Doktorandin Pauline Bader aus Tübingen vom Kampf der  Marginalisierten in London: Großbritanniens größte Gewerkschaft UNITE organisiert daher gewerkschaftliche Gruppen in Wohngebieten. Empowerment –Selbstermächtigung - derer, die keine Macht mehr haben! Erwerbslose, Erwerbstätige, Obdachlose und Mieter_innen …, alle, die da sind, sind willkommen und machen sich bemerkbar. Das nennt man Inklusion. Sie kämpfen gegen die Sparpolitik und die Privatisierung von Gesundheit, gegen Willkür der Jobcenter; sie unterstützen die Streiks und den Kampf gegen Zwangsräumungen. So entsteht eine „klassenbewusste lokale Identität“.-

In einem temperamentvollen Beitrag zeigte uns Sidar Karman (ver.di) aus der Türkei die unglaublich mutigen Kämpfe der Frauen: „Unser Körper gehört uns.“ „Wir wollen frei leben und atmen.“ „Wir stoppen Frauenmorde.“ Ebenso die riskanten Streiks von zigtausenden Arbeiter_innen trotz Streikverbots und elektronischer Überwachung. Zusammen sind sie letztlich stärker als Erdogan,  denn erstmals verbünden sich die Demokratie-Bewegung im türkischen Westen und die kurdischen Freiheitsbewegung im Osten: Sunniten, Alewiten Christen, Türken und Kurden, Frauen und Männer  … sie organisieren ihren Kampf in großen nationalen überparteilichen Organisationen.-

Dass  Katalonien 16% der spanischen Gesamtbevölkerung stellt, aber lediglich die 8% der spanischen Staatsausgaben erhält, ist kein Grund für eine Lostrennung – so der Katalane und Spanier Isaac Gonzalez: Bei 20% Arbeitslosigkeit und 55% Jugendarbeitslosigkeit ist das nur ein Problem unter vielen. DIE ALTERNATIVE: DIE PAH (PLATTFORM FÜR DIE  HYPOTHEK-BETROFFENEN), eine parteiunabhängige Bürgerinitiative: „SÍ SE PUEDE / JA, MAN KANN“. Sie fordert eine sozial verträglichere und gerechtere Verteilung der Folgen der Immobilien- und Wirtschaftskrise, organisiert gegenseitige Hilfe bei Zwangsversteigerungen und Zwangsräumungen. –

Und in Böblingen? WIR SIND DA!“ Die Jugendgruppe von Flüchtlingen und Nichtflüchtlingen führte z. B. am folgenden Tag (21.10.) eine Demo gegen Abschiebungen nach Afghanistan durch. –

Und mit nur 5 Minuten Verspätung konnte Betriebsseelsorger Walter Wedl um 20:35 h zu gemütlichem Beisammensein einladen. Dank an die Katholische Betriebsseelsorge für die viele Arbeit mit Kochen, Spülen und Aufräumen.

Hauke Thomas, DGB Kreis Böblingen

Europakongress 2017

DGB/Jörg Munder


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