Deutscher Gewerkschaftsbund

09.11.2017
Wider das Vergessen

Heilbronn: Gedenkstunde zur Reichspogromnacht

Rede von Silke Ortwein
DGB-Vorsitzende Stadt- und Landkreis Heilbronn

am 9. November 2017 bei der Gedenkveranstaltung am Synagogengedenkstein in Heilbronn

Liebe Bürgerinnen und Bürger

liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde, 
liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,
liebe Kolleginnen und Kollegen,…
oder ganz einfach

liebe Gedenkende!
 

Wir brauchen - davon bin ich überzeugt, Orte und Anlässe gemeinsamer Erinnerung:

So wie diese Gedenkstunde.

Diese Gedenkstunde wird in diesem Jahr erstmals von der Stadt Heilbronn veranstaltet … ein gutes Zeichen, denke ich, dafür, dass die Stadt sich der historischen Verantwortung stellt. 

Wir blicken gemeinsam zurück auf diese Nacht, in welcher hier in Heilbronn wie auch in ganz Deutschland, jüdische Menschen, jüdisches Leben und jüdische Einrichtungen zu Zielscheiben des Hasses und der Gewalt des Naziregimes wurden… 

Ich möchte Sie bitten kurz mit mir innezuhalten und die greifbare Nähe der Erinnerung zuzulassen.

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Das Erinnern beschämt, bestürzt und irritiert – es schmerzt und doch müssen wir leider feststellen: Die Bearbeitung und Aufarbeitung von Nazismus, Rassismus und Antisemitismus ist eine Aufgabe, die wir lange nicht in ihrer ganzen Dimension gesehen und daher auch nicht angemessen in Angriff genommen haben.

Ich denke da mal an den Schulunterricht – in welchem zu  meiner Schulzeit die Geschichte im Jahre 33 „endete“…- vor 1933, das war Geschichte – nach 45 begann die Gegenwart  … und dazwischen?…

Bei mir wurde in der Schule diese Zeit einfach gar nicht behandelt!

Später hatte ich einen Deutschlehrer, der auf ein Stichwort wartete, um uns an seinen Erlebnisse aus dem Schützengraben teilhaben zu lassen… - Erziehung zum Frieden und zu Demokratie sieht anders aus!

Ich habe zum Beispiel auch lange Zeit gebraucht, bis ich festgestellt habe, dass ich ab meinem 14. Lebensjahr quasi in Sichtweite des Geländes des ehemaligen KZ-Kochendorf lebte. Das war aber nie Thema in der Familie oder der Schule, im Ort… das war einfach so etwas wie ein gemeinsames Geheimnis der älteren Generation. - Nur zufällig habe ich diesen Teil der Geschichte meiner Heimatstadt mal „entdeckt“ – ebenso wie den dazugehörigen KZ Friedhof der nur von Amorbach aus zugänglich und vielen bis heute unbekannt ist.

Sie fragen sich vielleicht, wieso ich jetzt das KZ in Kochendorf anspreche:

Für mich ist klar, die Nacht an die wir heute erinnern, war ein Schritt hin zur Vernichtung der Juden – hin zu den KZs und Gaskammern – und spätestens in dieser Nacht wurde offenbar – wurde überdeutlich, wohin der Weg für die jüdischen Menschen in ganz Deutschland führen würde. Denn mit dieser Nacht hatten die Repressionen und Ausgrenzungen einen schrecklichen Höhepunkt erreicht. Allen Juden und Nichtjuden musste spätestens jetzt klar sein: Hass und Zerstörungswut kannten keine Grenzen – und für die Machthaber gab es kein Zurück – Das Feuer dieser Nacht würde weiterlodern… und  sollte sich in den Krematorien in schrecklicher Weise fortsetzen!

Als ich vor einigen Jahren Pierre Dawance, den heute letzten bekannten Überlebenden KZ Häftling des KZ Kochendorf, persönlich kennenlernen durfte, hat mich das tief beeindruckt.

Pierre Dawance ist zwar kein Jude aber er teilte als KZ Häftling im Grunde das Schicksal der vielen jüdischen KZ Häftlinge.

Da stand dieser Mann im Bergwerk in Kochendorf: Als junger Franzose war er ausgeliefert den Nazischergen im damaligen Deutschland genau an diesem Ort einst geschlagen, entwürdigt und gedemütigt worden – schwach vor Hunger musste er schuften bis an die Grenzen seiner körperlichen Möglichkeiten. In diesem Raum stand er nun und sagte als letzten Satz seiner Rede ohne jeglichen Anschein von Verbitterung: Es lebe die Deutsch - Französische  Freundschaft!… das hat mich ergriffen – vor 10 Jahren ebenso, wie in diesem Jahr – als er (im Bewusstsein, dass es wahrscheinlich sein letzter Besuch sein könnte) erneut diese Worte an diesem für ihn so besonderen Ort ausgesprochen hat.

In diesem Moment bündelt sich für mich wie in einem Brennglas, zu was Menschen sowohl im Bösen als auch im Guten fähig sein können! Da war gleichzeitigt das, was diesem Mann von anderen Menschen angetan wurde – aber auch die von ihm gelebte Versöhnung und  Vergebung!

Vor zwei Jahren wurde durch die Miklos Klein Stiftung in der SWS – genauer im Bergwerk Kochendorf begonnen auch den „anderen Teil“ der Geschichte aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Haben wir bislang immer nur von den Opfern gesprochen (und diese damit auch immer wieder an Ihre Geschichte erinnert und in gewisser Weise damit auch immer wieder neu zu Opfern gemacht)  so beginnen wir nun zaghaft mit der Aufarbeitung der Geschichte der Täter.

Ich stand im Frühjahr mit einer wichtigen Person des öffentlichen Lebens hier in Heilbronn an einer dieser nun neu aufgestellten Täter-Tafeln …

Und da war sie diese Frage: Würde ich, wenn ich einen entsprechenden Auftrag bekäme, mich dagegen stellen. Würde ich meinen Posten, meine Existenz, meine Familie in Gefahr bringen? – oder würde ich genauso handeln wie jener, der heute als Täter ausgestellt wird?

Was ist eigentlich meine Haltung?

Ich glaube wir alle müssen uns genau diese Fragen stellen und das gerade jetzt – gerade heute.

Wir dürfen uns nicht nur den Opfern und den „anonymisierten“ Taten zuwenden sondern müssen auch den Mut haben die Täter zu benennen. (In der Vergangenheit  wurde ja oftmals so getan, als gebe es die Tat an sich – doch ohne Täter / ohne Täterin gibt es keine Tat!)

Denn zur Geschichte gehören auch die Täter!

Und wenn es uns wirklich ernst ist, dass solches Unrecht nie wieder geschehen darf, dann müssen wir lernen, wie es uns gelingt im Ernstfall nicht selbst zu Tätern zu werden.

Wenn es uns ernst ist, wird es keinen Weg geben, der uns die Auseinandersetzung mit den Tätern erspart.

Um ihre Handlungsmotivation zu verstehen, müssen wir tiefer eindringen – denn das von Geburt an „durch und durch schlechte Nazi Monster“ gab es wohl nicht.

Das waren Menschen, zunächst normale Menschen, die in ihren Familien lebten, zur Schule gingen, Hobbys hatten, Berufe lernten, Menschen wie Sie und ich – wie alle…

An irgendeinem Punkt konnten auch diese Menschen sich für Ihren Weg entscheiden…sie, das wissen wir in der Rückschau wurden zu Massenmördern – brachten Tausenden und Abertausenden den Tod…und manche von Ihnen kamen abends nach Hause und spielten mit den Kindern….

Es sind erschütternde - unbequeme Wahrheiten.

Es ist hier geschehen – vor unseren Haustüren, - und mehr Menschen, als wir denken und wissen waren involviert.

Das gilt für die Täter in den KZs genauso wie für diejenigen die hier die Synagoge entzündeten oder einfach dabeistanden und diesem „Spektakel“ beiwohnten!

Im Heilbronner Tagblatt war dazu am Tag darauf folgender mit Nazi-Propaganda durchzogene Text zu lesen:

„In Heilbronn war es etwa um 5 Uhr in der Frühe, als das Innere der Synagoge in Flammen stand. Mit gewohnter Pünktlichkeit und Raschheit war die Feuerwehr zur Stelle, um sofort an ihre Arbeit zu gehen und die umliegenden Gebäude zu schützen. Ein Eindringen der Feuerwehrmänner in die mit Rauch und Qualm angefüllte Synagoge erwies sich auch mit Gasmasken als unmöglich.
Das Schauspiel der brennenden Synagoge hatte bald viele Volksgenossen angelockt. Besonders in den Morgenstunden, als die Volksgenossen an ihr Geschäft eilten, strömte alles zum Brandplatz. Kurz nach 7 Uhr hatten sich die Flammen durch die große Kuppel einen Weg ins Freie gebahnt. Wie ein Fanal loderten die Flammen zum Himmel empor.“

Die Frage der gemeinsamen Aufarbeitung unserer Geschichte drängt sich immer mehr auf…und gerade aus dieser Sicht ist es gut, hier zu sein….Am authentischen Ort… mittendrin in der Gemeinde, in der die jüdischen Mitbürger zunächst Nachbarn und Freunde waren und nach all den schrecklichen Erlebnissen in den 30iger Jahren in Todes- Angst flohen oder im KZ in Buchenwald, in Dachau, auf dem Heuberg, in Auschwitz – oder vielleicht eben ganz nahe -  in den KZ’s von Neckargartach, Kochendorf oder in Neckarelz …. (um nur einige der Neckarlager zu nennen) - landeten.

Mit den Orten der Taten kommen auch die Fragen selbst uns näher: Es geschah eben nicht nur in Auschwitz – es geschah in Neckargartach – es geschah in Kochendorf – es geschah hier – mitten in der Stadt –

diese in der Nacht brennende Synagoge – weithin sichtbar….

Warum schützte die Feuerwehr nur die umgebenden Gebäude? – Lag es wirklich daran, dass ein Löschen des Gebäudes bei Eintreffen der Feuerwehr wegen des Qualms und Rauches im Inneren der Synagoge nicht mehr möglich war?
Warum konnten viele der Verantwortlichen nach dem Krieg weiter ihrer Arbeit nachgehen – weitermachen als sei nichts geschehen?
Warum sind nicht mehr Menschen damals für Ihre Überzeugung eingetreten (es haben doch sicher nicht alle der Propaganda geglaubt?)
Wie zeigen wir heute Haltung?

oder: Haben wir aus der Geschichte nichts gelernt?

Um die letzten beiden Fragen zu beantworten müssen wir uns unserer Haltung, unserer Einstellungen zunächst bewusst werden:
So gesehen kann ich den gegenwärtigen politischen Debatten durchaus auch etwas Positives abgewinnen: Ich finde es gut, dass viele Dinge jetzt offensichtlich geworden sind. Unsichtbarkeit sorgt nicht dafür, dass ein Problem verschwindet. Es ist da – und gelegentlich kollidieren wir dann unverhofft und wundern uns über die Schmerzhaftigkeit dieser Begegnungen mit dem eigentlich altbekannten Problem.

Sind wir mal ehrlich: Es hat immer diese 20% rechtsaffiner Einstellungen in der Bevölkerung gegeben. In allen Teilen, Gruppierungen und Einheiten: In Bereichen, in welchen Menschen Macht über andere ausüben – oder Dienst mit der Waffe tun waren und sind es vielleicht sogar ein paar Prozent mehr: Weil Menschen mit derartigen Einstellungen gerne Macht über andere ausüben…

Das Problem daran ist nur, dass wir nicht klar und deutlich sagen, dass dies in einer Demokratie nicht geht. Dass wir nicht immer klar gegen rechtsaffine Haltungen vorgegangen sind und vorgehen. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für Diskriminierung unterschiedlichster Art. Es gab sie immer - Nur war es kein Thema!

Doch gerade jetzt – angesichts der veränderten Gesamtsituation, ist es noch wichtiger denn je,  gegen Diskriminierung klar einzustehen!

Der Menschenfeindlichkeit zu wehren heißt Gleichwertigkeit anzustreben. Diese Gleichwertigkeit von Menschen zu erreichen, dazu müssen wir alle an unserem Menschenbild an unserer Einstellung zum Nächsten arbeiten - jeder an seinem Platz, immer wieder neu.

Doch in einer diversen Gesellschaft ist dies viel komplizierter, als die klaren Schemata (in denen wir erzogen und zu denken gewohnt sind) es vorgeben.  Schubladendenken hilft hier nicht weiter…Ich möchte gerne erläutern was ich damit meine:

In einer offenen, diversen Gesellschaft kann nämlich jede Person gleichzeitig Gegenstand möglicher Abwertung wie auch selbst abwertend gegen andere sein.

Die Werte des Grundgesetzes und der Aufklärung, auf dem es beruht, müssen für jeden gelten, und allen gebührt der Schutz vor Abwertung.

Denn Abwertungen kommen häufig von allen Seiten. Rassismus jeglicher Couleur… Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homo- und Trans*phobie, kommen überall vor:  Auch bei denen, welche selbst an anderer Stelle Opfer sein können: Deshalb sind alle aufgefordert: jeder Mensch – aber auch jede Behörde, Organisation, Verband, Kirche …gegen jegliche Form der Abwertung in den eigenen Reihen konsequent vorzugehen.

Gleichwertigkeit aller Menschen, die Wahrung von Menschenrechten, Universalismus – oder um es greifbarer zu formulieren: gelebte Demokratie – das sind die Antworten auf die Menschenfeindlichkeit der Rechtsextremen, der Rechtspopulisten und ihrer Umfelder.

Doch das bedarf eines Diskurses, dem wir uns heute dringend als Personen aber auch als Gesellschaft stellen müssen: Denn nur wenn wir uns unserer eigenen Haltungen und Einstellungen bewusst sind, können wir die Demokratie erfolgreich gegen Rechtspopulismus und  Rechtsextremismus verteidigen. Ich bin sicher:  Demokratie ist nicht selbstverständlich, sie muss immer wieder neu erkämpft werden!   

Daraus leitet sich dann folgerichtig eine Aufgabe ab, die wir heute Abend alle mit nach Hause nehmen…wie im Grunde in jedem Jahr:

Denn es geht nicht nur das Erinnern – sondern „aktives Gedenken“!

Ich meine damit: Das bewusste Leben der eigenen Haltung im Alltag, in der Verantwortung dessen, was in der Vergangenheit geschah.

Das erfordert zuweilen Mut, ist schmerzhaft oder anstrengend. Es erfordert eine laufende Überprüfung und Korrektur unserer Haltung und Einstellung und die Hinterfragung unseres Handelns.

Aber ich bin sicher - wir können und dürfen nicht länger warten!  - Wehret den Anfängen - auch das hat uns die Geschichte gelehrt…

Denn unsere Nachfahren sollen einmal nicht vor weiteren Orten und an anderen Tagen in Gedenkstunden stehen, um der zu unseren Lebzeiten geschehenen Gräueltaten zu gedenken.

Das sind wir auch den Opfern dieser grausamen Nacht vor 79 Jahren schuldig!

 


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