Deutscher Gewerkschaftsbund

08.05.2019
Ausstellung im Stuttgarter Willi-Bleicher-Haus

Meinst du, die Russen wollen Krieg? Хотят ли русские войны?

Titelbild Meinst du, die Russen wollen Krieg?

Jörg Munder

Russland – immer noch und immer wieder ein Buch mit sieben Siegeln. Was die Medien berichten, klingt nicht gut: unberechenbar, aggressiv und unfähig zur Demokratie. Doch stimmt dieses Bild? Eine Ausstellung über das heutige Russland im Stuttgarter Willi-Bleicher-Haus zeigt Fotografien und Impressionen vom Alltag. Begleitende Texte bieten eine Möglichkeit, den Blick auf dieses Land zu überprüfen

Einblicke und Eindrücke, die sich im ersten Moment oft nicht von unserer Welt unterscheiden: Werbung, Smartphones, Fastfood und Shopping Malls sind in der Öffentlichkeit präsent, wie wir es hier erleben. Die Bilder zeigen aber auch, wie sich Tradition und Moderne gegenüberstehen: Musiker mit Akkordeon und folkloristischem Repertoire beleben die Straßen neben Künstlern mit E-Gitarre und Verstärker. Modisch gekleidete Frauen treffen auf „Babuschkas“, die vor den Metrostationen Gemüse und Blumen anbieten. Die Fotografien sind typische und ungeschönte Impressionen des Alltags.

Meinst du, die Russen wollen Krieg? ist ein Gedicht des Poeten Evgenij Evtushenko aus dem Jahre 1961. Die Vertonung durch Mark Bernes führte zu internationaler Verbreitung. Das Antikriegslied betont das friedliche Russland und die schmerzvolle Erinnerung, da auch bis in fast jede Familie hinein Opfer zu beklagen waren. Der 9. Mai ist in Russland der Tag des Sieges zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Dieser Gedenktag änderte sich in den letzten Jahren grundlegend. Die offiziellen militärischen Staatsfeiern werden zunehmend ersetzt durch den Bessmertnyj polk (Бессмертный полк), auf Deutsch „unsterbliches Regiment“. Auf diesen Veranstaltungen vermischt sich das Feiern mit öffentlicher Manifestation und kollektiver Erinnerung an die Angehörigen. Die Teilnehmenden, Familien, Kinder, junge und alte Menschen, tragen Tafeln mit Bildern ihrer Vorfahren, die im Krieg gewesen sind oder davon betroffen waren. 2018 gingen bereits 10 Millionen Menschen zur Erinnerung auf die Straße, allein in St. Petersburg und in Moskau waren es jeweils mehr als eine Million. Gemeinsam teilt man sich Geschichte und familiäre Verbundenheit. Ein Teil der Aufnahmen in der Ausstellung widmen sich dem Bessmertnyj Polk am 9. Mai.

Über 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt der 8. Mai, der Tag der Befreiung, ein wichtiges Datum, dem in Deutschland zu wenig Bedeutung zugemessen wird. Geschichte verblasst zunehmend, wenn die Erinnerung und Verantwortung nicht wachgehalten werden. Frieden kennt jedoch kein Verfallsdatum für Erinnerung. Das Wissen, wie andere Völker leben und welche Hintergründe dazu existieren, ist Grundlage dafür, dass unterschiedliche Kulturen einander respektvoll begegnen können. Die Ausstellung will Mut dazu machen. Denn Europa ist nur mit Russland möglich.

Produziert und erstellt von Multicolor e. V., gefördert durch: DGB-Stadtverband Stuttgart, Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg, Hotel Silber e. V., House of Resources und Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie Leben!

Rede von Philipp Vollrath zur Eröffnung der Ausstellung Meinst du, die Russen wollen Krieg


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